Kostenloser öffentlicher Verkehr in Genf: Auswirkungen auf Mobilitätsentscheidungen
zugeordnete Tags/Schlagwörter
Erstellt am 04.11.2026
Kostenlose Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel für Jugendliche: das Beispiel Genf (Foto: Pixabay)
Seit Januar 2025 testet Genf eine in der Schweiz bisher unerprobte Massnahme: Die Kosten für „unireso“-Abonnements (für ganz Genf) werden unter bestimmten Voraussetzungen für junge Menschen bis 24 Jahre übernommen. Zudem gibt es eine Ermässigung von 50 % für Personen, die AHV oder IV beziehen. Eine von den Genfer Verkehrsbetrieben (tpg) in Zusammenarbeit mit dem Labor für Stadtsoziologie der EPFL und dem Büro Mobil’homme durchgeführte Studie misst die Auswirkungen dieser Massnahme auf das Mobilitätsverhalten.
Erste Feststellung: ein erschwinglicherer öffentlicher Verkehr regt Menschen zu einer häufigeren Nutzung an. Die Begünstigten, sowohl junge Menschen als auch Senior:innen, geben an, das Verkehrsnetz öfters zu nutzen. Dieser Effekt betrifft sowohl die regelmässige als auch die gelegentliche Nutzung. Im Jahr 2025 wurden im Rahmen der Massnahme 128.306 Abonnements ausgestellt, davon fast die Hälfte an neue Abonnent:innen. Über die erzielten Einsparungen hinaus verändert sich die Wahrnehmung der Mobilität: Nicht mehr die Kosten jeder einzelnen Fahrt berechnen zu müssen, vermittelt ein Gefühl von Freiheit. Die Fahrten werden spontaner, auch in der Freizeit und bei Ausflügen. Diese benutzerfreundliche Handhabung verbessert zudem die Wahrnehmung des Netzes, insbesondere hinsichtlich der Anbindung und der Zuverlässigkeit.
Die verstärkte Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel verringert die Häufigkeit von Autofahrten. Autofahrende verzichten nicht unbedingt auf ihr Fahrzeug, nutzen es aber weniger systematisch. Die Massnahme fördert somit eher eine schrittweise Neuausrichtung zwischen den Verkehrsmitteln als eine massive Abkehr vom Auto. Der ökologische Nutzen muss jedoch relativiert werden: Neue Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln ersetzen manchmal Strecken, die zuvor zu Fuss oder mit dem Velo zurückgelegt wurden, was einen Verlust in Bezug auf Gesundheit und Energieeffizienz bedeuten kann.
Die Auswirkungen auf die Kaufkraft variieren je nach Zielgruppe. Für junge Menschen, die oft bereits ein Abonnement besitzen, entlastet die Kostenübernahme das Haushaltsbudget und ermöglicht andere Ausgaben. Für Senior:innen hängt der Effekt von ihrer finanziellen Situation ab: konkrete Unterstützung für Personen mit weniger finanziellen Mitteln, aber lediglich ein Glücksfall für die Wohlhabenderen, die ohnehin ein Abonnement erworben hätten.
Die Studie, die auf der Untersuchung von 1.590 Befragten vor und nach der Einführung der Regelung basiert und durch Einzelinterviews ergänzt wurde, unterstreicht das Potenzial einer Tarifpolitik, um Mobilitätsgewohnheiten zu verändern. Doch werden diese neuen Gewohnheiten Bestand haben, wenn die Begünstigten ihr Abonnement wieder selbst bezahlen müssen? Die Autor:innen empfehlen eine mehrjährige Nachuntersuchung, insbesondere um zu beobachten, was geschieht, wenn die Jugendlichen die Zielaltersgruppe verlassen.
Das Genfer Experiment zeigt, dass der Preis ein wirksamer Hebel ist, um die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu fördern. Es macht aber auch deutlich, dass eine Politik der nachhaltigen Mobilität über den Tarif hinaus eine Verlagerung weg vom Auto fördern muss, ohne dabei das Gehen und Velofahren zu vernachlässigen.
Weitere Informationen
- Medienmitteilung DSM, Kanton Genf vom 8. September 2026: „Übernahme der Kosten für Abonnements im öffentlichen Nahverkehr: Zwei Gutachten bestätigen und belegen die erwarteten Auswirkungen“ (fr)
- Mobilservice News Dossier „Senior:innen und öffentliche Verkehrsmittel: Was sind die Herausforderungen?“ (Juli 2024)
- Mobilservice News Dossier „Öffentliche Verkehrsmittel werden in der Schweiz nicht gratis sein“ (Juni 2023)
- Mobilservice News Dossier „Mobilität von Kindern und Jugendlichen: Neue Studie und 20-Jahr-Jubiläum von Pedibus“ (September 2019)
